Was Bologna alles kann!
Die Zeit berichtet über ein neues Informationssystem an der Uni Hamburg, Stine, über das man sich zum Beispiel Rückmelden und Immatrikulieren kann. Nach den langen Schlangen, die ich an manchen Unis in Deutschland gesehen habe, kann ich da nur sagen: endlich (oder vielleicht Äntligen!).
Aber nur ein paar Zeilen weiter muß ich mich schon wieder tierisch ärgern:
Ein System, das vorschreiben will, welchen Kurs man belegen soll, klingt nach Einschränkung der Wahlfreiheit. Schließlich konnte man bisher fast immer mit dem Prof reden, wenn man im Grundstudium bereits ein Hauptseminar besuchen wollte. Oder wenn man sich für ein Seminar nicht angemeldet hatte und in der dritten Semesterwoche doch dafür entschied. Das neue System lässt nicht so leicht mit sich verhandeln. Das aber liegt am System der neuen Studiengänge Bachelor und Master und nicht am Computersystem selbst.
“Stine kann nichts für Flexibilitätsbeschneidungen - die Software setzt lediglich die Bologna-Anforderungen um”, so Thorsten Hönisch vom Hamburger Asta.
(ZEIT Campus)
Wo in den Bologna-Dokumenten steht bitte, das man unflexibel zu sein hat? Sowohl der AStA-Mensch als auch die Journalistin nehmen das jedenfalls ohne Nachfrage hin.
Vielleicht ist es doch an der Zeit, meine Info-Seite zum Bologna-Prozess irgendwie in die Gänge zu bringen.
2006-08-27 at 3.30 pm
Vor allem weiß kein Mensch bescheid, wann und wie diese Super-Software endlich funktioniert. Als ich mein Magister-Studium an der Uni Hamburg begann, wurde mir ausdrücklich zugesagt, dass ich von den Reformen, die sich durch diese BA/MA-Sch*** ergeben, nicht betroffen sein werde. Jetzt muss ich mich bei Stine für jeden Kurs im Voraus anmelden. Das bedeutet eine klare Einschränkung wissenschaftlicher Freiheit. Ich möchte weiterhin zumindest das Recht haben, in völlig überfüllten Seminaren, in denen die Profs (bzw. unbezahlten Privatdozenten) die ersten drei Sitzungen eh damit verbringen, Leute aus dem Kurs zu ekeln, bzw. zu ermutigen, die Veranstaltungen der Kollegen aufzusuchen, wenigstens mir mehrere Seminare anzuschauen bevor ich mich entscheide. Durch Stine können viele Studenten nicht in ihre Kurse kommen, die sie laut Studienordnung belegen müssen. Wenn sich ein Prof. strickt an die Teilnehmerzahlbegrenzung hält, kann es sein, dass sich das Studium um ein weiteres Semester verlängert und der Student das mit 700,- Euro Studien- und Immatrikulationsgebühr bezahlen muss.
Das ist nur eine von vielen desaströsen Entwicklungen an der Uni Hamburg, sowie insgesamt in einer neoliberal geprägten Hochschullandschaft.
2006-08-27 at 7.53 pm
Sarah,
Als werdender IT-Berater stört mich an der Darstellung vor allem, das das IT-System Stine natürlich genauso Unschuldig ist wie der Bologna-Prozess und die Abschlüsse Bachelor und Master. Das Problem liegt in den Regeln und Ordnungen der Uni (und zum Teil in denen der HRK und der KMK), und ich finde es unglaublich ärgerlich, das hier die Schuld bei unschuldigen (und potenziell äusserst postiven) Dingen wie neuen IT-Systemen oder europäischen Integrationsprozessen gesucht wird, statt mal dahinter zu schauen, was die wahren Interessen und Gründe sind.
All das klingt mir aber eher neo-faschistisch als in irgendeiner Weise liberal oder freiheitlich…